Germanitas Othala
Nordreich – „Wolfsgesang und Untergang“ – Rezension

Es ist vollbracht, leider, wie man gleichzeitig sagen muss. Nordreich, das alteingesessene, bereits seit 1999 existente Einmannprojekt von Skatval, hat nach 5 bisherigen Vollalben, einigen Gemeinschaftstonträgern und Liedkollektionen sowie zahlreichen Einzelbeiträgen auf diversen Zusammenstellungen, vor einiger Zeit nun das 6. und leider auch finale Werk „Wolfsgesang & Untergang“ unter’s Volk gebracht. 6 Jahre sind seit dem letzten Werk „Blutstarre“ ins Land gezogen und bis auf die zwei Beiträge zum 2021er Gemeinschaftswerk mit Ordensburg und einem Beitrag auf dem ersten Skaldensang, ließ sich der gute Herr ausreichend Zeit, denn gut Ding will bekanntlich Weile haben. 

Skatval teilte mir kürzlich mit, dass es ihm oft schwerfällt, seine Lieder in geeigneter Weise zu betiteln. Aus diesem Grunde sind die einzelnen Lieder des vorliegenden Werks bis auf zwei Ausnahmen, bestimmten Runen und Binderunen zugeordnet. 

Seinen Anfang nimmt das Album mit einleitender akustischer Gitarre und untermalenden Tastenklängen. Auch Damengesang ist kurz mit zu vernehmen. Man wird sogleich in die richtige Stimmung versetzt. Nach und nach setzen schließlich Gitarre und Schlagzeug ein, nur um kurz darauf wie ein Sturm über den Hörer hereinzubrechen. In bester und bekannter Manier legt Skatval mit seinem charakteristischen Krächzen los. Der Sechssaiter ist zwischendurch sogar etwas tiefer gestimmt und lässt mit einem melodischen Solo aufhorchen. Titelgebend ist dem Eröffnungsstück Elhaz, die Lebensrune, zugeordnet. Das Stück ist ein wirklich mehr als gelungener Einstieg. 

Fortsetzung erfährt das Werk mit einem getragenen Lied, welches von teils krächzendem, teils gröhlendem Gesang geprägt ist. Man hört die Leidenschaft und Hingabe zu jeder Sekunde heraus. Singendes Tremolo steht wie ein Kampfgefährte stets begleitend zu Skatvals Stimme. Darüber hinaus verleiht dieser seinen Worten die entsprechend passende Betonung. Zugeordnet ist diesem Stück eine Bindrune, bestehend aus Elhaz (auch Algiz genannt) und Othala, der Heimatrune. 

Lied Nummer 3 startet umso furioser, nachdem der geneigte Zuhörer beim vorangegangenen Stück etwas verschnaufen konnte. Die zahlreichen Tempopassagen werden immer wieder durch getragenere Abschnitte aufgelockert. „Wotan zur Ehr’“! Titelgebend ist hier die Bindrune aus Teiwaz, welche für den Kriegsgott Tyr steht und einmal mehr Othala. Es sei noch kurz eingefügt, dass man Skatvals charakteristisches Krächzen leider nicht auf einer Bühne zu hören bekommen wird, obwohl diese durchaus für diesen Rahmen geeignet wäre. Aber das ist einzig und allein des Künstlers Entscheidung. Kommen wir zurück zum Album. 

Ein absoluter Höhepunkt ist Lied 4, welches überaus ruhig und atmosphärisch eingeleitet wird. Damengesang von Skatvals Frau (bereits am Anfang von Lied 1 zu hören) fügt sich an dieser Stelle sehr gut ein. Das Lied mutet fast balladesk an und schreitet größtenteils gemächlich voran. Skatvals Stimme klingt hierbei fast beschwörend oder anklagend und ist dem Rhythmus überaus gut angepasst. Ab Minute 6 nimmt das Lied dann plötzlich an Fahrt auf, nur um kurze Zeit später wieder mit einer Passage zum Verschnaufen aufzuwarten. Schöne Gitarrenmelodien und interessante Klangeffekte runden das achteinhalb Minuten lange Epos ab. Dem Lied zugeordnet ist hier die Rune Thurisaz, welche unter anderem für Verteidigung und Fruchtbarkeit steht. 

Abwechslungsreich, voluminös und melodisch geht es im 5. Stück weiter. Es vereint alle Stärken von Nordreich. Allein der stimmungsvolle Einstieg mit Tastenklängen und Schreien von Raben ist Gold wert. Das sehnsuchtsvolle Rufen „Wann endlich, wann?“ prägt das Stück, welches nach der Rune Eihwaz benannt ist. Sie ist die Rune des Lebensbaumes Yggdrasil und auch der Eibe. 

Schnell und aggressiv geht es beim 6. Stück zu, zumindest bis Minute 4. Nachfolgend durchläuft es zahlreiche Tempovariationen mit etlichen ruhigen Passagen. Insgesamt wirkt es sehr verspielt. Zugeordnet ist diesem Lied die Bindrune aus der Todesrune Yr und der Heimatrune Othala (auch Odal genannt). 

Lied Nummer 7 ist das kürzeste Stück und bildet im Kontext des Albums eine von zwei Ausnahmen des ansonsten stringenten Runenkonzepts. Dieses Lied und die von Skatval darin vorgetragenen Runen sind einem alten angelsächsischen Runengedicht entlehnt. Dieser Mann ist in puncto Kenntnis und Spiritualität sehr tief in der Magie der Runen verankert. Das Lied selbst ist wieder sehr melodisch und zum Großteil recht schnell gespielt. 

Lied Nummer 8 zeigt sich wie schon viele seiner Vorgänger begeisternd und abwechslungsreich mit vielen schleppenden Teilen. Ausführliche Beschreibungen sind hierbei nicht immer von Nöten, da jedes Lied dieses Albums von gleich herausragender Qualität ist. Übergeordnet ist in diesem Falle die Bindrune aus Teiwaz und Yr. 

Ausnahme, die zweite: eine sehr gelungene Nachspielversion eines anderen germanischen Einzelkämpferprojekts, seines Zeichens Bilskirnir aus Hessen. Diese dürften dem überwiegenden Teil der Leser dieser Rezension hinlänglich bekannt sein. Im Original befindet sich das von Skatval auserwählte Stück „As This World Ends“ auf dem 2013er Bilskirnir-Werk „Wotan Redivivus“. Nordreich geben dem durchweg schleppenden und melancholischen Stück klanglich noch etwas mehr Fülle. Dieses Stück ist eine mehr als würdige Ehrerbietung an Vidar, dem Bruder im Geiste. 

Hat „Wolfsgesang & Untergang“ mit der Lebensrune Elhaz seinen Anfang gefunden, so endet es mit einem neunminütigen Stück, dem die gestürzte Form der Lebensrune, also die Todesrune Yr, zugrunde liegt. Das Schlusskapitel dieses Werks ist sehr abwechslungsreich, metallisch, atmosphärisch und mit einigen Sprachsequenzen versehen. Es beginnt, wie andere Lieder dieses Albums, feierlich getragen und steigert sich im weiteren Verlauf immer mehr. Sobald der letzte Ton verklungen ist, bleibt man erst einmal sprachlos zurück ob des gerade Gehörten. 

𝕱𝖆𝖟𝖎𝖙:

Was man auch bisher von Skatval kannte, seien es die bisherigen durchweg guten bis sehr guten Alben von Nordreich oder einige seiner anderen Projekte wie Division Hagal, Sieg oder Tod, sowie Branstock, so kann man doch das vorliegende Werk als sein Magnum Opus bezeichnen. Man hört dem Album die lange Entstehungszeit in Form von Liebe zu detaillierten Liedstrukturen zu jeder Sekunde an. Ich verneige mich ehrfürchtig. 

Erschienen ist das Album, wie auch bereits der Gemeinschaftstonträger beim Hammerbund.
Zuschlagen lohnt sich in jedem Fall, falls nicht bereits geschehen.  

𝕽𝖊𝖟𝖊𝖓𝖘𝖎𝖔𝖓: 𝕲𝖆𝖘𝖙𝖘𝖈𝖍𝖗𝖊𝖎𝖇𝖊𝖗 𝕭𝖗𝖆𝖌𝖎 – 𝕲𝖊𝖗𝖒𝖆𝖓𝖎𝖙𝖆𝖘 𝕺𝖙𝖍𝖆𝖑𝖆 𝟐𝟎𝟐𝟒

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