Germanitas Othala
Der Jahreswechsel und wann er wirklich stattfindet

Die Germanen vollzogen ihren Jahreswechsel nicht am 31. Dezember, weil sie weder nach einem festen Sonnenkalender lebten noch das Jahr als etwas sahen, das an einem bestimmten Datum begann oder endete. Ihr Zeitverständnis war naturnah und mondorientiert, nicht rechnerisch festgelegt wie im späteren römischen Kalender.
Das germanische Jahr richtete sich nach dem Lauf des Mondes, also nach einem sogenannten Mondjahr. Ein Mondmonat dauerte rund 29½ Tage, und ein Jahr bestand somit aus zwölf solchen Monden – also etwa 354 Tagen. Dieses Jahr war rund elf Tage kürzer als das Sonnenjahr mit 365 Tagen.

Diese Differenz von elf Tagen (beziehungsweise zwölf Nächten) galt als eine besondere, „zeitlose“ Phase zwischen den Jahren. In dieser Zwischenzeit, in der weder das alte noch das neue Jahr vollständig galt, fanden später die Rauhnächte ihren Platz – eine geheimnisvolle Übergangszeit, in der man glaubte, dass die Grenzen zwischen der Menschenwelt und der Geister- oder Götterwelt durchlässig wurden.
Der eigentliche Neubeginn des Jahres wurde von den Germanen jedoch nicht in den dunklen Tagen des Winters, sondern im Frühling gefeiert.

Das war der Moment, an dem die Natur sichtbar erwachte, das Eis schmolz, die Tiere wieder auf die Weiden konnten und die Menschen mit der Aussaat begannen. In dieser Phase des Neubeginns lag für sie der natürliche Jahresanfang: neues Licht, neues Leben, neues Jahr. Oft fiel dieser Zeitpunkt in die Nähe der Frühjahrs-Tagundnachtgleiche um den 21. März, wenn sich Tag und Nacht die Waage hielten und der Lauf der Sonne das zunehmende Licht versprach.

Der heute als selbstverständlich geltende Jahreswechsel am 31. Dezember ist dagegen ein spätrömisch-christliches Konstrukt. Erst mit der Einführung des julianischen Kalenders unter Julius Caesar (45 v. Chr.) und später durch kirchliche Reformen wurde das Jahr auf den 1. Januar als offiziellen Beginn festgelegt. Vorher hatte auch der römische Kalender sein Neujahr im März – ein Erbe, das man noch in den Monatsnamen erkennt: „September“ bedeutet „siebter Monat“, „Oktober“ der achte, „November“ der neunte und „Dezember“ der zehnte. Der 31. Dezember selbst war für die germanischen Völker daher ohne jede Bedeutung, denn ihr Kalender und ihr Weltbild kannten diese Einteilung schlicht nicht.
Das germanische Jahr war zyklisch gedacht, nicht linear. Es folgte dem natürlichen Rhythmus von Werden und Vergehen – Dunkelheit und Licht, Winter und Sommer, Tod und Wiedergeburt.

Der Jahreswechsel im Frühling war somit nicht nur ein kalendarisches, sondern auch ein symbolisches Ereignis: Der Sieg des Lebens über den Tod, des Lichts über die Dunkelheit. Erst durch die Christianisierung und die Übernahme römischer Zeitstrukturen wurde dieser alte Rhythmus verdrängt und der Jahreswechsel auf den Winter gelegt.
So erklärt sich, warum die Germanen ihr neues Jahr erst mit dem Erwachen der Natur begannen – nicht mit einem willkürlichen Datum im tiefsten Winter. Ihr Verständnis von Zeit war ein Spiegel der Natur selbst: fließend, lebendig und im Einklang mit dem Kreislauf des Lebens.

Nichtsdestotrotz wünschen wir von Germanitas Othala und der Germanitas Othala Klangschmiede einen ruhigen und gesunden Jahreswechsel, obgleich dieser eigentlich erst im Frühjahr stattfindet.

Heil und Segen ᛉ

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