Nornir – ,,Verdandi“ – Rezension

 

Das alte Jahr war noch nicht vergangen und uns erwarteten noch einige hervorragende Veröffentlichungen, da erreichte uns die Kunde, dass die Freiberger Gruppe Nornir zum Ende Februar des kommenden Jahres 2019 ihr Debütalbum veröffentlichen würden. Diese Nachricht erweckte natürlich sofort unser Interesse, schließlich hat sich das sächsiche Quartett mit seiner den Namen ,,Urd“ tragenden EP, sowie mit seinen intensiven, vor Energie und Leidenschaft strotzenden Bühnendarbietungen einen äußerst positiven Namen im deutschen Untergrund erspielt. Vor allem da es sich um eine Gruppe handelt, welche von einer Frontfrau angeführt wird, von denen es vor allem in Deutschland, bis auf wenige Ausnahmen, kaum nennenswerte gibt. Da Nornir uns auf Platte, wie auch auf der Bühne zu begeistern wussten und uns auch Lethians Stimmgewalt positiv überraschte, waren die Erwartungen an das nahende Debüt entsprechend groß. Ob das von uns mit Neugier erwartete Album diesen Erwartungen standhalten konnte, soll diese Rezension klären.


,,Verdandi“ erschien am 22. Februar 2019 unter der Fahne von ,,Northern Silence Productions“, einer aus dem Erzgebirge stammenden Plattenfirma, welche vor allem für atmosphärischen Black Metal bekannt ist und für Anhänger diesen Stils stets mit musikalischer, aber auch materieller Qualität aufwarten konnte. Ähnlich verhält es sich auch bei Nornirs Debütalbum, welches in sämtlichen gängigen Formaten erhältlich ist. Für Anhänger des digitalen Tonträgers der CD ist ,,Verdandi“ als schickes Digipak, welches auf 999 Exmplare limitiert ist erhältlich. Freunde der guten alten Schallplatte können sich auf eine weiße (limitiert auf 199 Stück) oder auf eine schwarz/weiße ,,splatter“ Vinyl (limitiert auf 99 Exemplare) freuen.
Damit Freunde des sich wieder immer größerer Beliebtheit erfreunden Magnetbandes nicht zu kurz kommen, hat sich ,,Worship Tapes“, im Erzgebirge die Adresse für hochwertige Veröffentlichungen auf Kassette, der Sache angenommen und 100 Exemplare anfertigen lassen.
Von Freunden wurde uns zugetragen, dass alle drei Varianten sehr zu empfehlen sind und hochwertig gestaltet wurden. Für diese Rezension liegt uns die weiße Schallplatte als Variante vor, auf welche wir nun näher eingehen werden.

Wie bereits bei vergangenen, von uns rezensierten Vinyl-Veröffentlichungen gibt es auch hier nichts zu beanstanden. Das Titelbild, welches die drei Nornen, die Weber und Bestimmer des Schicksals in der nordischen Mythologie, ziert, wirkt auf dem großen Plattencover sehr gut und ist ein echter Hingucker, zudem ist dieses hochwertig verarbeitet und fühlt sich auch gut in der Hand an. Wer sich in der nordischen Mythologie auskennt, der wird auch wissen, dass der Titel des Albums den Namen einer der drei Nornen auf dem Titelbild entspricht. Verdandi, die Norne, welche die Gegenwart repräsentiert!
Die weiße Schallplatte sieht ebenfalls edel aus und auch am Klang ist nicht das Geringste auszusetzen. Höhen und Tiefen kommen klar herüber und ein lauteres Hintergrundrauschen, wie es bei schlechteren Farbplatten der Fall ist, verglichen mit einer schwarzen Schallplatte, ist ebenfalls nicht festzustellen.
Man kann also sagen, dass Nornirs Debütalbum optisch in wohl allen Variationen äußerst gelungen ist und einem gelungenen Album ein würdiges Gewand bescheren würde. Doch wie man ein Buch nicht allein an seinem Einwand beurteilen sollte, so wollen wir nun prüfen, ob die musikalische Seite von ,,Verdandi“ den postitiven Eindruck fortsetzen wird.


Mit den Klängen eines tobenden Sturmes, über dem eine ruhiger Trommelschlag begleitet von Lethians tiefer, meditativ anmutender Stimme spielt, beginnt das Debütalbum Nornirs mit dem Titel ,,Kveld“ (zu deutsch Abend) und schafft es sofort den Hörer in eine mysteriöse, kalte und unwirdliche Atmosphäre zu ziehen. Über lediglich eineinhalb Minute wird mit simpelsten Mitteln eine intensive Stimmung geschaffen, welche die Spannung auf das kommende Album gekonnt in die Höhe zu treiben vermag, da kein Einblick in das kommende gegeben wird, man aber doch bereits mittendrin im Geschehen ist. Ein Einklang, wie er sein sollte. Kurz, intensiv und die Spannung auf das Album vorbereitend!
An dieser dichten Atmosphäre knüpft anschließend das erste Lied auf ,,Verdandi“ mit dem Namen ,,Vergessenheit“ an. Die Geschichte einer rastlosen, wandernden Seele, deren Erinnerungen auf ihrem Weg immer stärker verblassen und in die namensgebende Vergessenheit geraten, wird gekleidet in eisige Gitarren und einen Mix aus langsamen, qualvoll schleppenden Passagen und treibenden mittelschnellen Abschnitten. Die sich oft wiederholdenden Passagen erzeugen eine graue Monotonie, ähnlich dem Erleben des Protangonisten des Textes, dessen immer leerer und bedeutungslos werdendes Dasein ihn zermürbt, aus dem es scheinbar keinen Ausweg gibt. Eingeläutet und ebenso beendet wird ,,Vergessenheit“ aber auch durch eine fast epische und sehr einprägsame Melodie, welche aber ebenso mysteryiös und unwirdlich ist, wie der Rest des Liedes. Tatsächlich könnte man es als rein subjektiv auffassen, ob die Melodie einen Funken Hoffnung oder einen Schmerzensschrei ausdrücken soll. Nichtsdestotrotz bleibt festzuhalten, dass Nornir einen wahrhaft gelungenen Einstand in das Album hingelegt haben. Atmopshärisch dicht, bitterkalt wie der norwegische Schwarzmetall zu seiner Blütezeit und ein gesundes Maß an Monotonie richtig eingesetzt, ohne langweilig zu werden, machen ,,Vergessenheit zu einer gelungenen Eröffnung.
Das folgende Lied ,,Natt“ (deutsch für Nacht) erlöst den Hörer dann aus der bisher vorhersschenden Kälte und bringt ein wenig Wärme und somit Freundlichkeit ins Geschehen. Das knistern eines Feuers, die darüber spielenden Akkustikgitarren und der erneut ruhige Trommelschlag, begleitet von Lethians gelungenem Klargesang, erschaffen eine Art Lagerfeuerstimmung, irgendwo im kalten, schneeverhangenen Erzgebirge oder in den Weiten Norwegens, denn textlich wird sich hier ausschließlich der wohlklingenden und doch sehr mystisch anmutenden norwegischen Sprache bedient. Inhaltlich wird hier ein kleines, aber gelungenes Gedicht an Mutter Nacht zum Besten gegeben und die harte und doch melodische nordische Sprache trägt die lyrische Stimmung gelungen vor. Während es der warmen, freundlichen Lagerfeuerstimmung zu Beginn des Liedes fast gelungen war, den Hörer wieder aufzuwärmen und Hoffnung zu geben, da zerren einen die eisigen Gitarren Lethians und Argrists, das donnernde Schlagzeug Farliaths und der suptile, aber hörbare Bass Reneckes wieder zurück in ein dichtes Klanggewand, voller Kälte, Melancholie und Verzweiflung. Wer einmal einsam eine Nacht draußen in der Natur verbracht oder wer die langen Winternächte Norwegens einmal erlebt hat, der weiß, wie hoffnungslos und bedrohlich die Nacht auf einen Wirken kann. Nornir scheinen diese Stimmung zu kennen und schaffen es erneut durch ein gesundes Maß an Monotonie und perfekt gespielte Gitarren diese verschiedenen Stimmungen zu vermitteln. Der Hörer wird wahrhaft in solch einer Nacht gefangen genommen und gezwungen diese zu durchstehen. Die zehn Minuten können dadurch ewig lang wirken, vergehen aber tatsächlich wie im Flug. ,,Natt“ vermittelt dem Hörer kurzgesagt auf lyrischer Seite die Schön- und Sanftheit der Nacht, während auf musikalischer Ebene ihr hässliches Antlitz offenbart wird.

Trostlos und kalt, aber mit einem aggressiven Unterton versetzt klingt ,,Transzendenz“ in den Ohren des Hörers. Nornir erzählen hier die Geschichte eines Kriegers, welcher Auszog um Ruhm zu finden und bei seiner Rückkehr in die Heimat nichts als Abscheu mehr für die Welt um ihn herum empfindet, wodurch sein Leben zu einer Qual verkommt. Er verfällt immer mehr in einen Zustand der Transzendenz, durchbricht also das Diesseits, welches er verabscheut und findet vielleicht sogar darin Hoffnung. Dies spiegelt sich auch musikalisch wieder. Während über weite Strecken des Stückes die gewohnt kalten Gitarren eine von Abscheu erfüllte und quallvolle Stimmung erzeugen, können auf der anderen Seite geschickt in das Klanggewand eingewobene Leads und Soli gegen Ende des Liedes auch eine kämpferische und Hoffnung spendende Stimmung vermitteln. Der Hörer bekommt klanglich vor Augen gezeichnet, dass der Krieger vielleicht seine Erlösung finden wird. Doch bevor dem Hörer zuviel Hoffnung zuteil und ihm auf instrumentaler Ebene das Schicksal des Kämpfers verraten wird, beenden Nornir auch schon das Stück und zerren den Hörer wieder in das finstere Machwerk, als welches sich ,,Verdandi“ bisher entpuppt hat, zurück.
Begleitet vom Rauschen des Windes, lassen Nornir ,,Yggdrasil og nornene“ (Yggdrasil und die Nornen) erneut mit einer Kombination aus Akkustikgitarren, den ruhigen Schlag einer Trommel und Klargesang, bei dem Lethian stellenweise Unterstützung von den restlichen Mitgliedern der Gruppe erhält, beginnen. Inhaltlich handelt ,,Yggdrasil og nornene“, wie der Name bereits andeutet, von Yggdrasil und den drei Nornen Urd, Verdandi und Skuld. Tatsächlich entstammt ein Großteil des verwendeten Textes aus der Völuspá, aus dem Abschnitt, wo in wenigen Worten Yggdrasil grob beschrieben und die Nornen erstmals eingeführt werden, als Weberinnen des Schicksals, welche an der Wurzel Yggdrasils leben, der sogenannten ,,Urdquelle“, der Quelle des Schicksals. So mystisch dies klingt, so mystisch gestaltet sich auch ,,Yggdrasil og Nornene“. Nornir gehen hier weiterhin mit einer eisigen, befremdlichen Stimmung zu Werke und verstehen es erneut, ihre Instrumente so zu vereinen, dass der Hörer über das ganze Lied gefesselt bleibt. Doch anstatt eine Atmosphäre geprägt von Dunkelheit und Qual zu kreieren, besinnen sich die Freiberger darauf, das gesamte Lied mit einer ordentlichen Portion Mystik zu durchtränken, um der lyrischen Vorlage ein ihm entsprechendes und gebührendes Gewand zu verleihen. Wer mit der Edda vertraut ist, der weiß welch wichtige Stelle die Völuspá in dieser einnimmt und auch, dass die in ihr enthaltenen Skaldensänge und Gedichte mehr gesungen als gelesen werden sollten. Man kann also sogar sagen, dass Nornir mit ihrer Art Schwarzmetall zu spielen das alte Handwerk des Skalden neu interpretiert und in diese finstere Musik, die wir als Black Metal kennen, entsprechend eingewoben haben. Dies zudem in norwegischer Sprache, was auf diese für uns altvertrauten Gesänge ein neues Licht wirft. ,,Yggdrasil og nornene“ kann man daher durchaus als ein Lied bezeichnen, welches auf viele Weisen zu begeistern weiß und dazu auch auf der Bühne ein Hochgenuss ist.

Das vorletzte Stück auf ,,Verdandi“ mit dem Namen ,,Isvinden i nord“ (Eiswind im Norden) erzählt von einem schrecklichen Wintersturm, welcher als Künder des kommenden Fimbulwinters agiert. Die Stimmung, die der Text dem Hörer vor Augen führt, sofern er sich mit der norwegischen Sprache auseinandersetzt, wird auch über das ganze Lied aufrecht erhalten und in viele wunderbar kalte Melodien verpackt. Würde man den Liedtitel auf einer norwegischen Platte aus den Neunzigern finden, so würde das wohl kaum jemanden schockieren, schließlich spielte der Winter im damaligen Schwarzmetall eine nicht zu verachtende Rolle. Doch auch musikalisch fühlt man sich als Hörer in diese Zeit zurückversetzt, denn Nornir schaffen es die Seele des norwegischen Schwarzmetalls mit ihrer Musik einzufangen, mit ihrem eigenen Stil zu vereinen und ein atmosphärisch, wie musikalisch hervorragendes Lied zu erschaffen. Das Solo zum Ende des Stückes setzt dann nochmal einen musikalischen Höhepunkt, bevor es letzentlich zum Ausklang ,,Verdandis“ überleitet.
Das letzte Lied auf Nornirs Debütalbum trägt den Namen ,,Valhalla‘s Call“ und konnte uns ebenfalls auf der Bühne voll und ganz überzeugen, daher sollte es nicht verwunderlich sein, dass unsere Neugier, wie dieses Stück denn auf dem Album klingen würde, ebenfalls entsprechend groß war. Doch unsere hohen Erwartungen wurden auch hier, wie bereits auf dem ganzen bisherigen Album, meisterlich erfüllt. Auf dem von ,,Gurthang“, einen befreundeten Musiker Nornirs, geschriebenen Lied jagt eine atemberaubende Melodie die nächste und die Stimmung eines sich aus Nebel und Dunkelheit erhebenden Valhalls hätte mit diesen Melodien nicht besser getroffen werden können. Sämtliche Stärken, welche Nornir auf ,,Verdandi“ präsentierten, werden hier nochmals auf die Spitze getrieben, um ein atmosphärisch dichtes und hervorragend gespieltes Stück deutschen Schwarzmetalls zu schaffen und somit einem hervorragenden Debüt einen ebenso denkwürdigen Abschluss zu verpassen. Ein Lied welches im Kopf bleibt und ,,Verdandi“ würdig abschließt.


Fazit:

Wie zu Beginn unserer Rezension bereits erwähnt, hatten wir an Nornirs Debüt eine durchaus hohe Erwartungshaltung und wir stellten uns die Frage,ob denn dieses Album uns auch so beeindrucken kann, wie es den Freibergern auf der Bühne in der Vergangenheit gelungen war? Unsere Antwort darauf lautet: Unsere Erwartungen wurden mehr als nur erfüllt! ,,Verdandi“ ist von vorne bis hinten ein kleines Meisterwerk. Jedes Lied besitzt eigene Höhepunkte und Erkennungsmerkmale, jedes Stück kann für sich allein stehen und überzeugen, aber auch in der Gesamtheit gibt dieses Album ein großartiges Bild ab. Dem Hörer werden eine absolut dichte Atmosphäre, an den Instrumenten viel Talent und Einfallsreichtum, sowie Melodien geboten, welche sich hinter der eiskalten Stimmung des norwegischen Black Metal nicht verstecken müssen. Man wird sogar immer wieder positiv an diese Zeit erinnert. Wer also auf der Suche nach einem Album ist, welches all diese Kriterien erfüllt und wer sich nicht davor scheut, dass hier eine Frau eine wichtige Rolle übernimmt, der ist bei Nornir an der richtigen Adresse.
Diese liefern hier den ersten musikalischen Höhepunkt des noch jungen Jahres und ein unglaublich gelungenes Debütalbum, daher sei unsere uneingeschränkte Kaufempfehlung hiermit ausgesprochen!

Erhältlich bei Northern Silence und bei Worship Tapes!